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Unsere Haare sind Verräter. Sie sträuben sich, sie klatschen lustlos am Kopf oder wirbeln herum wie unser Liebesleben. Falsches Styling? Möglich. Wahrscheinlicher ist, dass wir unser Inneres antennenmäßig nach außen melden.
Die moderne Haaranalytik kann in den Haaren lesen, wie in einem offenen Buch. „Eine blonde Locke bringt es an den Tag“, lautete vor Jahren eine Schlagzeile im Allgäuer Anzeiger. 60 Jahre nach dem Tod seiner Verlobten im Jahr 1932 argwöhnte ein mittlerweile 85jährige Mann immer noch, dass sie vergiftet worden sei.
Seine einzige Erinnerung, eine blonde Locke, bewies den Verdacht. Die Untersuchung des gerichtmedizinischen Instituts wies in den Haaren erhöhte Kadmium- und Quecksilberwerte nach. Auch Napoleons Todesursache wurde mit Hilfe seiner Haare aufgedeckt. Entgegen aller Gerüchte wurde er nicht mit Arsen vergiftet.
Wie ist es möglich, dass im Haar Spuren unseres Lebens eingelagert sind? Die Erklärung liegt im Haaraufbau.
Jede der etwa 100. 000 aktiven Haarwurzeln ist mit Blutgefäßen verbunden, die unsere Haare mit Nahrung versorgen. Mit dem Blut gelangen neben haarlebenswichtigen Mineralien und Spurenelementen auch Medikamente, Drogen, Gifte, Nikotin und andere evtl. schädigende Substanzen in die Haare.
Das Haar merkt sich - zeitlich gestaffelt wie die Erdrinde - was es „erlebt“. In einem Gedächtnis, das soweit reicht, wie die Haare lang sind. Und es reagiert auf alles „Erlebte:“ So führen chemische Bestrahlungen und Medikamente vereinzelt zum vorübergehenden Haarverlust.
Schilddrüsenerkrankungen können das Haar lichten. Psychische Einflüsse lösen Alarm aus. Jede Art von auffallender Kopfhautirritation oder extremem Haarverlust ist auch möglicherweise ein Krankheitszeichen. Vielleicht aber auch nur ein Zeichen, dass wir zu wenig trinken? Oder bekommt das Haar bei der Pflege nicht genug? Hier kann man auch einiges von außen bewirken.
Unser Haar braucht Nahrung und dürstet regelrecht nach Feuchtigkeit, von der es im Wasser bis zu 30% aufnehmen und speichern kann.
Besonders betroffen ist langes Haar, dessen Längen und Spitzen schnell „alt“ und vertrocknet aussehen. Hier kommt einiges zusammen. Und es empfiehlt sich alle Lebenzuständen genau anzusehen. Im Haar zeigen sich Ernährungsfehler und Stress ebenso wie äußere Einflüsse von Wind und Wetter. Chemische Behandlungen wie Färben oder Dauerwellen enden in porösem Haar, in Spliss und Haarbruch, wo nur noch die Schere hilft. Selbst harmlosere Haarzustände wie Schuppen, fettiges, störrisches oder dünnes Haar können Symptome ungesunder Lebensweise sein.
Unbeeinflusst von unserer Lebensweise bleibt das genetische Gedächtnis. Auch der natürliche Haarwechsel im Rhythmus von 6 bis 8 Jahren ist vorbestimmt. Dieser Wechsel entlarvt unter anderem wieso die Gebrüder Grimm bei Rapunzel tief in die Märchenkiste gegriffen haben. 12 Meter lang soll ihr Haar gewesen sein. Rechnen Sie mal mit:
Bei einem Wachstum von ca. 12 bis 15 cm pro Jahr multipliziert mit 8 Jahren Wachstum, erreicht das Haar max. eine Länge von 120 cm. Selbst wenn Rapunzel alle Naturgesetze außer Kraft gesetzt hätte, wäre sie eine Greisin von 80 Jahren gewesen. Ob das den Prinzen in diesem hohen Alter noch in erotische Verwirrung gestürzt hätte? Wahrscheinlicher ist, dass Rapunzel’s Haar das Gewicht des Prinzen getragen hätte. Theoretisch. Ein durchschnittlicher Haarbewuchs von 100.000 Haaren trägt etwa 10 Tonnen. Praktisch hält das die Kopfhaut nicht aus – sie löst sich ab.
Soviel zu unserem Relikt der Urzeit - denn nix anderes ist unser Kopfhaar. Ein Schutz, der uns netterweise schmückt. Und auch ab und zu ziemlich irritiert.
Einige der eher schwer erklärbaren Gründe sind psychischer Natur. Wieso verbinden wir alle einen Haarschnitt mit einem Lebenscut, mit einer Befreiuung oder Bestrafung. Sind oben aufgeführte eher medizinische Gründe dafür verantwortlich oder ist mehr dran?
Ein Thema für sich, über dass wir sicher noch den einen oder anderen Artikel verfassen werden.
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